Sally Menke: Die stille Kraft hinter Quentin Tarantinos größten Filmen

Wenn über Quentin Tarantinos Filme gesprochen wird, fallen meist die gleichen Namen: Tarantino selbst, Samuel L. Jackson, Uma Thurman, John Travolta oder Christoph Waltz. Eine der wichtigsten Personen hinter seinem unverwechselbaren Stil bleibt dagegen oft im Hintergrund: Sally Menke.

Die Cutterin war über viele Jahre Tarantinos engste kreative Partnerin. Gemeinsam prägten sie den Rhythmus und die Erzählweise von Filmen wie Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill, Death Proof und Inglourious Basterds. Menke bezeichnete Filmeditoren einmal als die „stillen Helden“ des Kinos. Ihre eigene Arbeit zeigt eindrucksvoll, wie viel Wahrheit in dieser Aussage steckt.

Mehr als nur Schnittarbeit

Ein guter Filmschnitt soll sich häufig gar nicht bemerkbar machen. Die Zuschauer sollen in die Handlung eintauchen, ohne ständig darüber nachzudenken, warum eine Szene genau an dieser Stelle geschnitten wurde. Bei Tarantino war der Schnitt allerdings ein wesentlicher Bestandteil seiner filmischen Sprache.

Tarantino selbst beschrieb die Zusammenarbeit mit Menke deshalb sinngemäß nicht einfach als Schnitt, sondern als eine zweite Form des Schreibens. Er schrieb das Drehbuch zunächst allein – beim Schnitt schrieb er gemeinsam mit Sally Menke weiter.

Diese besondere Verbindung zeigte sich bereits bei Pulp Fiction. Menke verstand, wann eine Szene Zeit brauchte und wann ein scheinbar winziger Schnitt den gesamten Rhythmus verändern konnte. Gerade Tarantinos lange Dialoge, die häufig von Abschweifungen und scheinbar nebensächlichen Gesprächen leben, profitierten davon.

Menke arbeitete bei ihren ersten Schnitten zudem zunächst ohne Musik. Für sie musste eine Szene emotional und dramaturgisch funktionieren, bevor Tarantino anschließend seine Musikauswahl darüberlegte. Danach wurde der Schnitt gemeinsam auf die Musik abgestimmt.

Der berühmte Tanz aus Pulp Fiction

Eine der Szenen, an denen Menke ihre besondere Verbindung zu Tarantinos Stil entwickelte, war der legendäre Tanz von Vincent Vega und Mia Wallace in Pulp Fiction.

John Travolta und Uma Thurman tanzen in Jack Rabbit Slim’s zu Chuck Berrys „You Never Can Tell“. Tarantino hatte die beiden Schauspieler bereits während der Dreharbeiten zu der Musik tanzen lassen. Für Menke bot das Material anschließend zahlreiche Möglichkeiten, mit verschiedenen Einstellungsgrößen und Blickwinkeln zu arbeiten.

Menke erkannte schnell, dass diese Szene ihren ganz eigenen Rhythmus besaß. Genau das war eine ihrer großen Stärken: Sie versuchte nicht, jede Szene künstlich zu beschleunigen. Stattdessen ließ sie dem Material den Raum, den es benötigte.

Jackie Brown: Tarantino wird erwachsen

Besonders interessant wurde die Zusammenarbeit bei Jackie Brown von 1997. Nach dem Erfolg von Reservoir Dogs und Pulp Fiction erwarteten viele Zuschauer erneut einen wilden, popkulturell überladenen Tarantino-Film.

Stattdessen entstand ein wesentlich ruhigerer und melancholischerer Film. Im Mittelpunkt steht unter anderem die vorsichtige Liebesgeschichte zwischen dem älteren Kautionsvermittler Max Cherry, gespielt von Robert Forster, und der von Pam Grier verkörperten Jackie Brown.

Der Film beschäftigte sich stärker mit Einsamkeit, Alter und der Möglichkeit einer späten Liebe. Der damals erst 34-jährige Tarantino schlug damit eine erstaunlich reife Richtung ein. Menkes Einfluss auf diese ruhigere Erzählweise war dabei besonders wichtig.

Mit Kill Bill in eine völlig neue Richtung

Nach Jackie Brown wagten Tarantino und Menke einen gewaltigen stilistischen Sprung. Kill Bill war wesentlich stärker von Martial-Arts-Filmen, Italo-Western und dem japanischen und asiatischen Genrekino geprägt.

Für Menke bedeutete das eine völlig neue Herausforderung. Die aufwendigen Kampfszenen, schnelle Schnitte, extreme Nahaufnahmen und zahlreiche stilistische Zitate mussten zu einem funktionierenden Gesamtbild zusammengesetzt werden.

Dabei verfolgten Tarantino und Menke eine klare gemeinsame Philosophie: Sie wollten ihre Vorbilder nicht einfach kopieren, sondern deren Filmsprache in einen neuen Zusammenhang setzen. Aus bekannten Stilmitteln sollte etwas Eigenständiges entstehen.

Genau diese Fähigkeit zur Neuinterpretation wurde zu einem Markenzeichen ihrer gemeinsamen Arbeit.

Tarantinos persönliche Grüße an Sally Menke

Wie eng die beiden tatsächlich zusammenarbeiteten, zeigte sich auch während der Dreharbeiten. Menke arbeitete häufig in einem gemieteten Haus in Südkalifornien und sichtete dort das Material, während Tarantino am Set drehte.

Tarantino wollte sie dennoch so weit wie möglich am Entstehungsprozess beteiligen. Bei Death Proof nahm er deshalb Szenen auf, in denen er seiner Cutterin Grüße und kleine Botschaften hinterließ. Diese Aufnahmen wurden später öffentlich und zeigen, wie persönlich die Beziehung zwischen Regisseur und Cutterin war.

Inglourious Basterds wurde ihr gemeinsames Meisterwerk

Menke selbst betrachtete die Eröffnungsszene von Inglourious Basterds als ihre beste gemeinsame Arbeit mit Tarantino.

Die Szene, in der Colonel Hans Landa einen französischen Bauern besucht und eine jüdische Familie unter dem Fußboden versteckt ist, baut ihre Spannung beinahe quälend langsam auf. Tarantino und Menke wechseln zwischen den Gesprächen und den Menschen, die sich unter dem Boden verstecken.

Erst nach und nach wird klar, worauf die Unterhaltung hinausläuft. Der Schnitt bestimmt dabei entscheidend das Tempo und die Spannung.

Auch später zeigt sich die Handschrift des Duos. Wenn Shosanna sich für ihre geplante Rache vorbereitet und David Bowies „Cat People (Putting Out Fire)“ erklingt, verbinden sich Musik, Bild und Schnitt zu einem der stärksten Momente des Films.

Menke und Tarantino machten aus bekannten filmischen Elementen etwas Neues – genau nach ihrer gemeinsamen Philosophie des „Rekontextualisierens“.

Ein viel zu früher Tod

Sally Menke starb am 27. September 2010 im Alter von nur 56 Jahren. An diesem Tag herrschte in Los Angeles eine extreme Hitzewelle mit Temperaturen von rund 113 Grad Fahrenheit, also etwa 45 Grad Celsius.

Menke war begeisterte Wanderin und befand sich an diesem Tag mit ihrem Hund im Griffith Park. Ihr Körper wurde später am Grund einer Schlucht gefunden.

Ihr Tod bedeutete auch für Tarantino einen tiefen Einschnitt. Zwar drehte er anschließend weitere erfolgreiche Filme, doch die besondere kreative Verbindung, die er mit Menke aufgebaut hatte, war nicht mehr dieselbe.

Sally Menke war nie die Person, deren Name auf riesigen Kinoplakaten stand. Trotzdem steckt ein wesentlicher Teil des typischen Tarantino-Rhythmus in ihrer Arbeit. Sie wusste, wann ein Schnitt nötig war – und ebenso, wann man eine Szene einfach laufen lassen musste.

Vielleicht ist genau das die größte Leistung eines Filmeditors: nicht sichtbar zu sein und trotzdem entscheidend dafür zu sein, wie wir einen Film erleben.

Sally Menke war Quentin Tarantinos stille kreative Waffe – und eine der wichtigsten Cutterinnen des modernen amerikanischen Kinos.

Filmzitat

„Ich bin ein bisschen durcheinander.“

Clueless