Kinostart Deutschland: 29. Juli 2026 | Regie: Destin Daniel Cretton | Laufzeit: ca. 145 Minuten | FSK-Äquivalent: PG-13 | Verleih: Sony Pictures
Es gibt diesen Moment ungefähr in der Mitte des Films, in dem einem klar wird: Das hier ist nicht mehr der Teenager, der in Homecoming seinen Anzug in der Sporttasche versteckt hat. Peter Parker steht allein in einer Stadt, die ihn vergessen hat, bringt Blumen ans Grab seiner Tante und scrollt sich abends durch die Instagram-Profile von Menschen, die ihn nicht mehr kennen. Spider-Man: Brand New Day ist der erste MCU-Spider-Man, der Einsamkeit nicht als Zwischenstation, sondern als Zustand erzählt – und genau das ist seine größte Stärke und gleichzeitig sein größtes Problem.
Spider-Man: Brand New Day – Worum geht’s?
Der Film setzt rund vier bis fünf Jahre nach dem Ende von No Way Home an. Peter hat sich damals aus dem Gedächtnis der ganzen Welt löschen lassen, um das Multiversum zu retten. Der Preis: MJ und Ned wissen nicht, wer er ist. Kein Avengers-Support, kein Stark-Hightech, keine Freunde. Peter ist wieder das, was er in den Comics der 60er war – der klamme Kerl aus der Nachbarschaft, der nebenbei die Stadt rettet.
Dann taucht eine Bedrohung auf, die sich nicht verprügeln lässt: eine telepathische Kraft, die von den Körpern unbeteiligter Menschen Besitz ergreift und es auf das Department of Damage Control abgesehen hat, jene Behörde, die den Trümmerschutt der Superheldenkämpfe wegräumt. Parallel dazu verändert sich Peters eigener Körper auf eine Weise, die er nicht kontrolliert – Stichwort organische Netzdrüsen, ein Detail, das Fans der Raimi-Trilogie sofort einordnen werden.
Die Besetzung – wer spielt wen
- Tom Holland als Peter Parker / Spider-Man. Seine vierte Solo-Runde und mit Abstand seine reifste. Holland darf hier zum ersten Mal richtig traurig sein, und er kann das.
- Zendaya als Michelle „MJ“ Jones. Weniger Screentime als in No Way Home, aber die gemeinsamen Szenen mit Holland gehören zu den ruhigsten und besten des Films.
- Jacob Batalon als Ned Leeds. Der Verlust dieser Freundschaft ist das emotionale Fundament – und ausgerechnet dadurch fehlt dem Film ein gutes Stück seines früheren Humors.
- Jon Bernthal als Frank Castle / The Punisher. Der heimliche MVP. Bernthal spielt einen mürrischen, waffenverliebten Gegenentwurf zu Spidey, mit dem sich Peter zu einer Art Odd Couple zusammenrauft.
- Mark Ruffalo als Bruce Banner / Hulk. Peter sucht ihn auf, um seine Mutation zu verstehen – was in einer bombastischen Hochhaus-Actionsequenz eskaliert.
- Sadie Sink als die geheimnisvolle neue Figur (mehr dazu unten – Spoilergefahr).
- Michael Mando als Mac Gargan / Scorpion, dessen Setup aus Homecoming endlich eingelöst wird.
- Tramell Tillman als Bill Metzger, Chef des Department of Damage Control.
- Liza Colón-Zayas als Detective Jean DeWolff, Peters einziger Draht ins NYPD.
- Marisa Tomei als Tante May in Rückblenden.
Regie führt erstmals Destin Daniel Cretton (Shang-Chi), das Drehbuch stammt von Chris McKenna und Erik Sommers, die schon die vorherigen Teile geschrieben haben.

Was funktioniert
Cretton inszeniert Action mit Gewicht. Die Kämpfe fühlen sich körperlich an, das Finale traut sich, weniger Trümmer und mehr Gesichter zu zeigen – und ja, es gibt Ninjas, was dem Ganzen eine angenehm bodenständige Street-Level-Note gibt. Der dunklere Ton ist keine Pose: Peters Isolation wird ernst genommen, seine Mutation ist als Body-Horror-Motiv angelegt, und der Bösewicht ist zur Abwechslung mal keine Karikatur, sondern eine Figur mit nachvollziehbarem Schmerz.
Und Bernthal. Wirklich, Bernthal. Er klaut jede Szene, in der er steht.
Was nicht funktioniert
Genau hier setzt auch die Kritik an – und sie ist nicht unberechtigt. Weil Peter von Ned und MJ getrennt ist, wandert der Humor fast komplett zu Frank Castle, und ein Punisher ist nun mal kein Sidekick-Comedian. Manchen Kritikern ist der Film schlicht zu schwer im Magen: viel Herzschmerz, wenig Herz. Die Beziehung zwischen Peter und Sinks Figur kippt streckenweise in Therapiesprache, und der Handlungsstrang um Peters sich verändernde Kräfte endet reichlich abrupt, ohne echte Auflösung. Ruffalos Auftritt wiederum trägt weniger Gewicht, als der Film glauben machen will – er ist vor allem da, damit Hulk da ist.
Der härteste Vorwurf, und er trifft: Über weite Strecken ist Brand New Day auch ein Schaufenster für das, was Marvel als Nächstes verkaufen will. Punisher-Film, Avengers, X-Men – wer die Hausaufgaben nicht gemacht hat, sitzt bei einigen Auftritten ratlos da.
Das Eröffnungswochenende: Rekorde am Fließband
Kommerziell ist der Film ein Ereignis. In Nordamerika spielte Brand New Day an seinem Startwochenende rund 360 Millionen US-Dollar ein – der größte Kinostart aller Zeiten, knapp vor Avengers: Endgame (357,1 Mio. US-Dollar aus dem Jahr 2019). Kurios: Am Sonntag sah es nach ersten Studioschätzungen noch nach Platz zwei aus, erst die korrigierten Zahlen am Montag drehten das Ergebnis.
Die Detailrekorde sind ähnlich beeindruckend:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Vorpremieren (Donnerstag, USA) | 72 Mio. USD – Rekord |
| Erster Freitag inkl. Previews | 169,8 Mio. USD – Rekord |
| Samstag | 101,5 Mio. USD |
| Sonntag | 88,7 Mio. USD |
| Startwochenende Nordamerika | ca. 360 Mio. USD |
| Startwochenende weltweit | ca. 932 Mio. USD |
| Kinos (Nordamerika) | 4.487 |
| Produktionsbudget | 225 Mio. USD |
Weltweit ist das der zweitbeste Start der Geschichte – nur Endgame liegt mit 1,2 Milliarden US-Dollar noch davor. International kamen rund 572 Millionen Dollar aus 66 Märkten dazu, allein China steuerte etwa 121 Millionen bei. Bemerkenswert: Der Rekord gelang in Nordamerika ohne IMAX-Leinwände, weil dort noch Christopher Nolans The Odyssey lief (in dem Holland, Zendaya und Bernthal übrigens ebenfalls mitspielen). Zusammen sorgten beide Filme für das umsatzstärkste Kinowochenende aller Zeiten in Nordamerika – rund 430 Millionen US-Dollar. IMAX hat inzwischen reagiert und teilt die Leinwände zwischen beiden Filmen auf.
Auch die Wertungen passen ins Bild: 90 % Kritikerwertung auf Rotten Tomatoes (bei über 300 Reviews) – der niedrigste Wert der vier Holland-Filme, aber immer noch „Certified Fresh“. Beim Publikum dagegen: 98 %, ein MCU-Rekord, dazu ein A bei CinemaScore und 8,2 auf IMDb, der beste Wert der Holland-Ära. Selten war die Schere zwischen „gut“ und „geliebt“ so aufschlussreich.
Brand New Day ist kein makelloser Film. Er ist zu lang, an manchen Stellen zu bemüht erwachsen, und er trägt schwerer an seiner Hausaufgabenliste fürs MCU, als ihm guttut. Aber er ist auch der erste Spider-Man seit Langem, der etwas riskiert: einen Helden ohne Netz – im doppelten Sinne. Wer bereit ist, einen traurigeren, härteren Peter Parker zu akzeptieren, bekommt den emotional dichtesten Film der Reihe. Wer die leichtfüßige Highschool-Energie der ersten Teile vermisst, wird sie hier schmerzlich vermissen.
Meine Wertung: 4 von 5 Netzen. Und bleibt sitzen – die Post-Credit-Szene lohnt sich.







