Sunny Dancer – Ein Sommer im „Chemo Camp“

Sunny Dancer Filmbild
Sunny Dancer Szenenbild zur Filmkritik

Kinostart Deutschland: 13. August 2026 | Regie & Drehbuch: George Jaques | Laufzeit: 106 Minuten | Großbritannien 2026 | Verleih: capelight pictures | Empfohlen ab 14 Jahren

Es gibt ein Subgenre, das man ungefähr so gut kennt wie seine eigene Westentasche: den Krebsfilm für Jugendliche. Sanftes Klavier, gedämpftes Licht, ein Mädchen mit Kopftuch, das weise Sätze über Sterblichkeit sagt. Sunny Dancer weiß das ganz genau – und macht von der ersten Minute an klar, dass er darauf keine Lust hat. Der Film beginnt damit, dass seine Heldin einen schrecklichen Werbetrailer für ein Krebs-Feriencamp googelt: Sonnenuntergänge, Überblendungen, alles, was iMovie hergibt. Sie ist entsetzt. Man versteht sie sofort.

Sunny Dancer – Worum geht’s?

Ivy ist 17, seit zehn Monaten in Remission und will vor allem eines: nie wieder das K-Wort hören. Statt Party, Freundinnen und dem letzten Sommer vor der Volljährigkeit buchen ihre wohlmeinend-übergriffigen Eltern ihr vier Wochen im „Children Run Free Camp“ – einem Ferienlager für krebsbetroffene Jugendliche, das Ivy nur „Chemo Camp“ nennt. Ihr größter Albtraum ist nicht die Krankheit, sondern zum „Make-A-Wish-Kind“ degradiert zu werden.

Im Camp trifft sie auf eine Clique von Außenseitern, die keinerlei Interesse daran hat, tapfer zu sein. Es wird getrunken, es werden Tabletten geschnupft, es wird nackt gebadet, es wird sich verliebt. Und irgendwann begreift Ivy den eigentlichen Punkt des Films: Überlebt zu haben ist noch lange nicht dasselbe wie zu leben.

Die Besetzung – wer spielt wen

  • Bella Ramsey als Ivy. Nach Lyanna Mormont in Game of Thrones und Ellie in The Last of Us der bislang beste Beweis, dass Ramsey auch ohne Weltuntergang funktioniert. Der Berlinale-Tenor war einhellig: Ramsey spielt Ivys Wut und ihre Gehemmtheit gleichermaßen präzise – die Unfähigkeit, sich nach Monaten der Isolation wieder zu öffnen, sitzt bei ihr in jeder Geste.
  • Daniel Quinn-Toye als Jake, Ivys Gegenpol und Love Interest.
  • Ruby Stokes als Ella, deutlich naiver als Ivy und fest entschlossen, in diesem Sommer ihre Unschuld zu verlieren – ausgerechnet an den 24-jährigen Camp-Trainer.
  • Earl Cave als Ralph, Teil der Camp-Clique.
  • Neil Patrick Harris als Patrick, der gutmütig-überforderte Camp-Leiter. Eine kleine, kluge Besetzung: Harris spielt genau die Sorte Erwachsenen, die alles richtig machen will und dabei ständig danebenliegt.
  • James Norton als Bob, Ivys Vater, und Jessica Gunning als ihre Mutter – die beiden verkörpern die liebevolle Fürsorge, an der Ivy fast erstickt.
  • Shalom Brune-Franklin als Camp-Therapeutin Lucy, Josie Walker als Krankenschwester Brenda, Louis Gaunt als Camp-Trainer Tristan. Dazu Conrad Khan und Jasmine Elcock als weitere Camp-Bewohner.

Regie und Drehbuch stammen von George Jaques, für den es der zweite Spielfilm ist. Die Kamera führte Oliver Loncraine, den Schnitt verantwortete Caitlin Spiller, und die Musik kommt von Este Haim (ja, die von HAIM) und Zachary Dawes – der Soundtrack wird in fast jeder Kritik lobend erwähnt.

Wie der Film entstand

Gedreht wurde größtenteils in Schottland, im Auchengillan Outdoor Centre in den Highlands auf halbem Weg zwischen Glasgow und Loch Lomond. Zu den vorhandenen Hütten baute das Team weitere dazu; auch das Elternhaus wurde direkt vor Ort gefilmt. Screen Scotland förderte die Produktion mit 500.000 Pfund.

Das schönste Produktionsdetail: Bevor die eigentlichen Dreharbeiten begannen, verbrachte das Ensemble eine Woche gemeinsam mit echten Camp-Aktivitäten – Kanufahren, Floßbau, Völkerball. Diese Energie ist dem Film anzusehen. Die improvisiert wirkenden Momente, in denen der junge Cast einfach laufen darf, gehören zu den besten des Films und geben ihm die Textur, die solche Stoffe sonst gern in Drehbuchweisheit ertränken.

Sunny Dancer – Filmkritik

Was funktioniert

Jaques‘ Grundentscheidung ist mutig und richtig: Die Krankheit ist das Uninteressanteste an diesen Figuren. Der Film weigert sich, seine Jugendlichen auf ihre Diagnosen zu reduzieren – sie dürfen witzig, spitz, verklemmt, wütend, geil und ziemlich dumm sein, und zwar aus Gründen, die schlicht damit zu tun haben, dass man siebzehn ist.

Dazu kommt ein Aspekt, den der Film als einer der wenigen ernst nimmt: das Leben nach der Glatze. Haare wachsen nach, äußerlich ist alles wieder in Ordnung, niemand sieht einem etwas an – und trotzdem leidet man daran, krank gewesen zu sein. Genau in diese Lücke setzt sich Sunny Dancer, und das ist der Punkt, an dem er über das Genre hinauswächst.

Der Humor ist herzlich statt zynisch, das Timing sitzt, und das Finale traut den Zuschauern zu, selbst zu fühlen, statt es ihnen vorzuspielen.

 

Was nicht funktioniert

Nicht alle waren bei der Berlinale restlos überzeugt, und die Einwände sind nachvollziehbar. Der größte: Tempo. Kaum ist Ivy im Camp angekommen, ist sie schon befreundet, fünf Minuten später verliebt und macht ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Dass ein solcher Sommer eine gewisse Dringlichkeit hat, leuchtet ein – erzählerisch bleibt dabei trotzdem einiges an der Oberfläche. Die Figurenentwicklung und vor allem die Bindungen untereinander bekommen zu wenig Raum zum Atmen; man würde gern einmal innehalten, ein Bild wirken lassen, einen Dialog auskosten.

Und dann ist da die Gratwanderung, die jede Krebskomödie gehen muss. Eine Komödie im Chemo-Camp ist immer nur einen Tonfehler von der Verniedlichung entfernt, und es gibt Passagen, in denen die Entschlossenheit, leicht zu bleiben, wie ein Ausweichen wirkt – ein eleganter Bogen um genau die harten Szenen, die sich der Film eigentlich erspielt hat. Ob diese Zurückhaltung Haltung ist oder Bequemlichkeit, darüber wird man streiten können.

Die Kritikerstimmen bewegen sich entsprechend in einem breiten Korridor: von 3 von 5 Sternen und einem B− bis zu 9 von 10 Punkten und Vergleichen mit Booksmart und Lady Bird. Auf IMDb steht der Film aktuell bei 8,3.

Kinostart

Sunny Dancer feierte seine Weltpremiere im Februar 2026 bei der 76. Berlinale, wo er die Jugendsektion Generation 14plus eröffnete – ein deutliches Signal für Zielgruppe und Tonfall. Der reguläre Kinostart folgt jetzt: 13. August 2026 in Deutschland (Verleih: capelight pictures), einen Tag später, am 14. August, startet er in Großbritannien und Irland.

Ein Eröffnungswochenende gibt es zum Zeitpunkt dieses Textes also noch nicht – die ersten Zahlen kommen frühestens ab dem 16./17. August. Realistisch ist ein klassischer Arthouse-Start: begrenzte Kopienzahl, Wachstum über Mundpropaganda, mit Bella Ramseys The Last of Us-Publikum als potenziellem Verstärker. Die Berlinale-Resonanz war warm, aber Generation ist eine Jugendsektion und kein Wettbewerb, und Festivalwohlwollen überlebt den regulären Start nicht immer. Die spannende Frage ist, ob ein Film über krebsbetroffene Teenager, der bewusst auf Rührseligkeit verzichtet, im August gegen die Blockbuster-Konkurrenz genug Aufmerksamkeit bekommt.

 

Unsere Meinung

Sunny Dancer ist kein perfekter Film. Er hat es zu eilig, er scheut sich stellenweise vor der eigenen Schwere, und wer eine schonungslose Auseinandersetzung mit Krankheit erwartet, ist hier falsch. Aber er ist warm, witzig und respektvoll auf eine Weise, die man in diesem Genre selten sieht: Er behandelt seine Figuren wie Jugendliche, nicht wie Patientinnen und Patienten. Bella Ramsey allein ist den Kinobesuch wert. Und die Botschaft – Überleben ist nicht dasselbe wie Leben – funktioniert unabhängig davon, ob man je in der Nähe einer Onkologie war.

Meine Wertung: 4 von 5 Sonnen. Taschentücher mitnehmen, aber die guten Lacher nicht unterschätzen.

Filmzitat

„Warum ist der Teppich nass, Todd?!“