Kaum ein Oscar-Gewinner der vergangenen Jahre wird bis heute so kontrovers diskutiert wie Green Book. Obwohl das Drama 2019 den Oscar als bester Film gewann und weltweit ein riesiger Kinoerfolg wurde, gilt der Film für viele Kritiker noch immer als Symbol dafür, wie Hollywood schwierige Themen gerne in leicht konsumierbare Wohlfühlgeschichten verwandelt.
Der Film von Peter Farrelly erzählt die Geschichte des Pianisten Don Shirley, gespielt von Mahershala Ali, und seines Fahrers Tony Lip, dargestellt von Viggo Mortensen. Die Handlung spielt Anfang der 1960er-Jahre während einer Konzerttour durch die Südstaaten der USA. Der Titel verweist auf das reale „Negro Motorist Green Book“, einen Reiseführer für Schwarze Amerikaner, der sichere Hotels, Restaurants und Tankstellen in Zeiten der Rassentrennung auflistete.
An den Kinokassen funktionierte das Konzept hervorragend: Bei einem Budget von rund 23 Millionen Dollar spielte der Film weltweit mehr als 320 Millionen ein. Auch Jahre später findet Green Book noch ein großes Publikum und gehört aktuell zu den vielgesehenen Filmen auf Netflix.
Green Book – Rassismus stark vereinfacht?
Gerade dieser Erfolg sorgt jedoch bis heute für Diskussionen. Viele Kritiker werfen dem Film vor, das Thema Rassismus stark zu vereinfachen und Konflikte auf eine klassische „Freundschaft heilt alles“-Botschaft herunterzubrechen. Besonders häufig kritisiert wurde, dass die Geschichte überwiegend aus Sicht der weißen Figur Tony Lip erzählt wird, obwohl der Film eigentlich die Erfahrungen des schwarzen Musikers Don Shirley behandelt.

Vergleiche mit Crash ließen nicht lange auf sich warten. Der Film gewann 2006 überraschend ebenfalls den Oscar als bester Film und gilt rückblickend für viele Kritiker als eines der umstrittensten Academy-Votings überhaupt. Mehrere US-Medien bezeichneten Green Book nach seinem Sieg sogar als „den problematischsten Best-Picture-Gewinner seit Crash“.
Besonders scharf fiel damals die Kritik von Filmjournalist Justin Chang aus. In einem vielbeachteten Kommentar für die Los Angeles Times bezeichnete er den Film als oberflächliche Hollywood-Version eines komplexen gesellschaftlichen Problems. Auch andere Kritiker störten sich daran, dass der Film rassistische Strukturen eher als individuelles Missverständnis zwischen Menschen darstellt statt als tief verwurzeltes gesellschaftliches System.
Angehörige werfen Machern verfälschung der Realität vor
Ein weiterer Streitpunkt war die Darstellung von Don Shirley selbst. Angehörige des echten Pianisten warfen den Machern damals öffentlich vor, seine Persönlichkeit und sein Leben verfälscht dargestellt zu haben. Vor allem die emotionale Nähe zwischen Shirley und Tony Lip wurde infrage gestellt. Die Familie erklärte mehrfach, dass der Film viele zentrale Aspekte von Shirleys tatsächlichem Leben ignoriere oder vereinfache.
Trotzdem bleibt Green Book ein Paradebeispiel dafür, wie stark Publikumserfolg und Kritikermeinung auseinandergehen können. Während viele Filmfans das Drama emotional und zugänglich finden, sehen andere darin einen Rückschritt im Umgang Hollywoods mit Geschichten über Rassismus.
Dass der Film jetzt erneut bei Netflix große Abrufzahlen erreicht, dürfte auch mit dieser anhaltenden Debatte zusammenhängen. Für manche Zuschauer ist Green Book ein bewegendes Drama mit starken Darstellern – für andere einer der fragwürdigsten Oscar-Gewinner der modernen Filmgeschichte.







